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Hessische Allgemeine (HNA) vom 13.05.2013

Der Ursprung der Welt als Tanz: Kasseler Jugendliche agieren in "creation moves" zur Musik von Darius Milhaud

Von Werner Fritsch

KASSEL. Die Szene hatte Symbolcharakter: Im leeren Weltall schweben vereinzelte Planeten, ehe ein roter Feuerball Energie  andeutet. Wie  eine Schöpfung  aus  dem Nichts muss auch den 130 Kasseler Jugendlichen die Tanzproduktion „creation moves“ vorgekommen sein, die der berühmte Choreograf  Royston  Maldoom mit ihnen erarbeitet hat.

Denn für die meisten von ihnen war alles neu: sich auf einer Bühne bewegen, zu Orchestermusik tanzen, eine Choreografie erarbeiten - und sie bei der Aufführung trotz Lampenfieber gut herüberbringen. Dass dies bei der Premiere am Samstag auf tolle und sehr bewegende Weise gelang, dass den Tänzern am Ende im Kasseler Opernhaus Standing Ovations und heftiger Jubel von tausend Zu- schauern entgegenschlugen, werden alle Beteiligten wohl kaum je vergessen. Schade nur, dass Maldoom selbst wegen eines Klinikaufenthalts die Premiere nicht miterleben konnte.

„Die Schöpfung der Welt“ (La création du monde, 1923), dieses vom Jazz beeinflusste Stück von Darius Milhaud gab im ersten Teil des Abends der Community Group, einer Gruppe tanzbegeisterter Jugendlicher, Gelegenheit, eine Geschichte zu erzählen. Wie aus einer Verpuppung lösten sie sich zu den ruhigen  Saxofonklängen des Beginns und stellten mit anspruchsvollen Figuren und Tableaus in Gruppen sowie solistischen Aktionen (lustig: das Seitwärtslaufen eines Krebses) den Schöpfungsmythos  dar.  Fein die Schlusspointe: Ein dicker Apfel senkt sich auf das Urpaar herab, und ein Wurm mit Teufelshörnchen robbt heran.

Nicht weniger gelungen, wie dann die 130 Jugendlichen in verschiedenen  Gruppen  und Konstellationen,   unterschieden  durch  die  Farben  der schlichten Kostüme, die acht Sätze von Dimitri Schostakowitschs „Suite für Varieté-Orchester“ (1988) vertanzten.

Eindrucksvoll war vor allem, wie es Maldoom gelungen ist, die Gruppen in immer neue Konstellationen zu führen und dabei die Individualität jedes einzelnen Tänzers, etwa in den Defilées, zur Geltung kommen zu lassen. Alle können mittanzen, und alle haben etwas Unverwechselbares beizutragen - diese wertvolle Erfahrung können  die  Mitwirkenden  wie auch die Zuschauer aus dieser Produktion mitnehmen.

Vielleicht das Beste aber an diesem allein durch Spenden (150 000 Euro) finanzierten Projekt: Es ist einfach gut gemacht und nicht nur gut gemeint. Viele Bilder werden bleiben, etwa die Fröhlichkeit der jüngsten Gruppe, die im Marschsatz mit Clownsnasen wilde Tanzbewegungen vollführte, aber auch die Ernsthaftigkeit der Älteren bei ihren Paar- und Gruppenaktionen im Walzersatz. Nicht zu vergessen das Staatsorchester, das unter der Leitung von Patrik Ringborg und Yoel Gamzou für viel Schwung sorgte.

Mitwirkende

Tänzer:
Schüler der Grundschule am Wall, Jean-Paul-Schule, Hegelsbergschule, Heinrich-Schütz- Schule, Georg-Büchner-Schule, Carl-Schomburg-Schule und eine Gruppe tanzinteressierter Jugendlicher „Community Group“
Choreograf: Royston Maldoom
Choreografische Assistenz: Mia Sophia Bilitza und Katja Borsdorf
Kostüme: Evelyn Schönwald
Staatsorchester Kassel
Dirigenten: Patrik Ringborg, Yoel Gamzou