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Frankfurter Rundschau vom 21.1.2005

 

Schule will Kreativität unterrichten

 

Die Kasseler Hegelsbergschule richtet Hessens erstes Lernatelier ein

Lebensnahe Inhalte
und Medienvielfalt

Die Hegelsbergschule in Kassel wird Hessens erste Kreativitätsschule. Die Gesamtschule will kreative Freiräume schaffen, damit die Schüler ihre Stärken entfalten können. Herzstück ist die Einrichtung eines „Lernateliers", doch auch Methodenlernen und Leseförderung gehören dazu.

KASSEL • 20. JANUAR - „Das Problem in Deutschland ist, dass immer von den Schwächen der Schüler ausgegangen wird, nach dem Motto: Das sind deine Defizite, und die musst du ausgleichen", sagt Stefan Appel. Der Leiter der Hegelsbergschule ist überzeugt, dass das umgekehrte Prinzip das richtige ist: Man müsse die Stärken des Einzelnen ausfindig machen und diese fördern. „Die Stärken des einen motivieren alle anderen und holen auch deren Stärken hervor." Wie in einer Jazzband, wo jeder mit seinem Instrument zum gemeinsamen Ergebnis beitrage, meint Appel. Genau das sei die Idee der Kreativitätsschule. Die Bezeichnung „Kreativitätsschule" ist kein geschützter Begriff, sondern ein Ziel, das sich die Hegelsbergschule freiwillig auf die Fahnen schreibt.

Kinder wie Lehrer sollen ihre individuellen Fähigkeiten im Schulleben einbringen. Die Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten wird als Bereicherung gesehen. Dem Pädagogen Olaf-Axel Burow von der Universität Kassel ist keine zweite staatliche Schule in Deutschland bekannt, die diesen Schwerpunkt gewählt hat. Es gebe lediglich einige private Schulen mit ähnlichem Ansatz.

Dabei bräuchte es hierzulande viel mehr Kreativitätsschulen, findet Burow. Schließlich habe die Pisa-Studie gezeigt, dass das bürokratisierte Lernen, bei dem Schüler nicht zum kreativen Problemelösen, sondern zum stupiden Auswendiglernen erzogen würden, keineswegs zu guten Leistungen führe. „Untersuchungen belegen, dass Schüler nur das lernen und auch behalten, was für sie persönlich bedeutsam ist", glaubt Burow. „Alles an-dere haben sie spätestens nach zwei Jahren wieder vergessen.

Aus dem schlechten Abschneiden Deutschlands bei Pisa würden die falschen Schlüsse gezogen, meint der Pädagoge: „Die Bildungspolitiker suchen jetzt das Heil in noch mehr Kontrolle, Normierung, Standards." Direktor Appel und sein Kollegium wollen die richtigen Schlüsse ziehen und den Schülern möglichst viel kreativen Freiraum geben.

Für Stefan Appel heißt das zum einen, für lebensnahe Lehrinhalte, Methodenvielfalt und die Öffnung der Schule nach außen zu sorgen. Zum anderen sollen auch die räumlichen und materiellen Voraussetzungen geschaffen werden, damit Schüler gerne und nach ihren Interessen lernen. Herzstück ist die Einrichtung eines Lernateliers - des ersten in Hessen. Die Schüler können dort im Internet recherchieren, DVDs und Videofilme nutzen und auf modernste Präsentationstechnik wie einen riesigen Computerbildschirm zurückgreifen. Dieser ist zugleich auch Wandtafel und Schaltfläche.

„Die Multifunktionalität ist das Besondere", betont Stefan Appel. „Der Raum ist so ein-gerichtet, dass die Schüler einzeln, in Teams oder im Klassenverband lernen können." Die PC-Arbeitsplätze werden in den nächsten Tagen geliefert. Nach der Fertigstellung soll das Lernatelier den Schülern der Ganztagsschule von morgens bis zum späten Nachmittag zur Verfügung stehen.

Doch auch messbare Ergebnisse zählen. Darum ist ein weiterer Schwerpunkt der Kreativitätsschule das so genannte Methodenlernen, das in den Klassen fünf und sechs anläuft: Eine Stunde pro Woche lernen die Schüler das Lernen, also Techniken, mit denen sie so lernen können, dass es „im Kopf bleibt". Dritter Baustein ist ein Lese-Intensivprogramm, um Lesetempo und Textverständnis zu erhöhen. Dazu bekommen die Schüler einen Lesepass, in dem festgehalten wird, wie viel sie gelesen haben.

Für Olaf-Axel Burow ist das eine gute Mischung. Die besten Dinge entstünden außerhalb von starren Strukturen, meint Burow und führt als Beispiel Albert Einstein ins Feld: Der sei zunächst als Physiker abgelehnt worden und habe die Relativitätstheorie in einem kreativen Umfeld außerhalb des universitären Korsetts entwickelt.

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HEGELSBERGSCHULE

Die 1908 in der Kasseler Nordstadt gegründete Hegelsbergschule ist seit 1965 Ganztags- und seit 1983 Gesamtschule. 66 Lehrer unterrichten 800 Schüler. Seit Jahren macht die Einrichtung durch pädagogische Konzepte auf sich aufmerksam. So können die Schüler nach dem Unterricht aus einem Angebot von 75 verschiedenen Arbeitsgemeinschaften wählen. prsüm