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HNA vom 1.4.2006

Keine Berliner Verhältnisse

Kasseler Schulen beugen mit Streitschlichtern, Mediation, Sozialarbeitern vor

Von Christina Hein

KASSEL.  Entwarnung in und um Kassel: Verzweifelte Lehrer, die sich - wie jüngst an einer Berliner Hauptschule - vor ihren gewalttätigen Schülern fürchten (HNA berichtete) und ihre Schule auflösen möchten, gibt es bei uns nicht. Die Kasseler Pädagogen sind sich einig: „Wir haben hier definitiv keine Verhältnisse wie in Berlin oder in den Staaten", sagt Mathias Koch, Schulleiter der Gesamtschule Georg­August-Zinn-Schule in Oberzwehren. Tauchen Probleme mit Gewalt auf, werde sofort reagiert, dass nichts eskalieren kann. Vorsorglich gebe es an der GAZ Schulvereinbarungen mit Regeln, die von Schülern unterschrieben werden müssen. „Das sensibilisiert." „Wir haben Lehrer mit Mediationsausbildung, die Streitschlichter unter den Schülern ausbilden. Zudem verlangt Koch vom Kollegium, Respekt und Toleranz vorzuleben. Es gebe nicht nur an der GAZ viele so genannte Unterstützersysteme.

Jutta Baus, Lehrerin an der beruflichen Martin-Luther-King-Schule, weiß, wovon sie spricht, wenn sie sagt: „In Kassel geht es vergleichsweise geruhsam zu". Die Deutsch-, Politik- und Religionslehrerin hat in Berlin gearbeitet und sagt: „Da habe ich viel Gewalt an Schulen mitbekommen, das hat mich sprachlos gemacht." Ganz anders hier. „Es erscheint einem fast wie ein Stadt-Land-Gefälle, dabei ist Kassel doch auch eine große Stadt und keine Insel der Seligen." Sie sei hier „gerne Lehrerin und kein Schüler mache ihr Angst".

„Wir leben in Nordhessen in einer Oase", sagt Stefan Appel, Leiter der Schule Hegelsberg. Nicht einmal südhessische Verhältnisse herrschten. Verängstigte Lehrer? Appel lacht. „Keine Spur." Wieso auch? Anonymität gibt es nicht. „Ich kenne alle meine 700 Schüler persönlich."

Auch sein Kollege Alfred Grysczyk, Carl­-Schomburg­-Schule, ist dafür bekannt, seine Schüler morgens mit Handschlag zu begrüßen. Die Pädagogen überlassen ihre „Oase" nicht dem Zufall. An der Schule Hegelsberg in der Nordstadt mit einem Ausländeranteil von 46 Prozent existiert ein umfassendes Hilfs- und Vorsorgesystem. Partnerklassen helfen sich gegenseitig; verpflichtend sind Arbeitsgemeinschaften für soziales Engagement, Schüler sind in Schulbereichen für Ordnung und Sauberkeit verantwortlich. „Da haben wir keine Verstöße."

Es gebe effektive Streitschlichtergruppen und eine fitte Schulsozialarbeiterin.

Zwei Schulsozialarbeiter sind auch an der Theodor-Heuss­Schule in Baunatal tätig. „Die sind sehr wichtig", sagt Schulleiterin Sabine Schäfer. Gleichwohl gebe es an der 900 Schüler zählenden Gesamtschule - circa 25 Prozent der Kinder kommen aus Migrantenfamilien - nur ein „sehr niedriges Maß" an Gewaltbereitschaft. „Wenn wir Disziplinprobleme haben, werden sofort die Sozialarbeiter eingeschaltet", so Schäfer. Man bemühe sich, Konflikte möglichst präventiv anzugehen. In den Klassen 5 und 6 gehöre Mediation zum Eingangsprogramm. ARCHIVFOTOS: NH