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HNA vom 7.12.2004

"Lernen und Leben verbinden!"

Ganztagsschule als
Antwort auf Pisa -
Hegelsbergschule sieht sich
gewappnet

  Leiter der Hegelsbergschule:
Stefan Appel,
zugleich Vorsitzender des Bundesverbandes der deutschen Ganztagsschulen

KASSEL.  Pisa zwei - jetzt liegen die bereits im Vorfeld heiß diskutierten Ergebnisse offiziell vor. Wie sollen die Schulen reagieren? Ein Interview mit dem Leiter der Hegelsbergschule in Kassel, Stefan Appel, der zugleich dem Bundesverband der deutschen Ganztagsschulen vorsitzt.

Wo liegen die Probleme?

Appel: Pisa zwei benennt die Bidungsdefizite genau. Es fehlt das Fächer übergreifende Lebenslernen, es gibt zu wenig Abschlüsse, und die Abhängigkeit vom Bildungsstand im Elternhaus ist groß.

Ganztagsschule - ist das die Antwort auf Pisa?

Appel: Ja. Mehr Zeit für Kinder, das ist unsere Chance. Und das heißt nicht, an einem Schultag Kinder mit sechs oder acht Intensiv-Stunden a 45 Minuten in Folge zuzupflastern. Ein Gehirn ohne Pause aufzuladen wie eine Festplatte - das klappt nicht. Anspannung und Entspannung müssen sich im Tagesrhythmus abwechseln.

Der Schultag wird länger. Was ist mit den Inhalten?

Appel: Schule muss sich gerade dort verändern. Nicht so verkopft sein, sich der Realität öffnen, andere Lernformen entwickeln. Pisa bringt die Bestätigung: Das Praxiswissen fehlt, die Schule lebt noch zu sehr im Elfenbeinturm. Lernen und Leben zu verbinden, muss ihr wieder gelingen.

Richtet sich der Erziehungsauftrag nicht eher an die Eltern?

Appel: Auch. Doch auch die Schule hat schon immer erzogen. Und nur eine Ganztagsschule kann es heute wirksam leisten, wohlgemerkt als Lebensschule verstanden - nicht als verlängerte Halbtagsschule mit Suppenausgabe.

Es läuft demnach falsch an manchen Schulen?

Appel: Viele der neuen Ganztagskonzeptionen werden derzeit mit der heißen Nadel gestrickt. Unser Verband will dafür sorgen, dass Qualitätsmerkmale da sind. Manche glauben tatsächlich, mit wenig Aufwand alles erreichen zu können. Kicker als Bewegungsspielbereich, ein paar Bücher statt einer Freizeitbibliothek, Snacks statt kindgerechtem Mittagessen und als Freizeitangebot ein Schachspiel, das kann es nicht sein. Auch Gymnasien mit verkürztem Bildungsgang müssen sich darauf einstellen, dass ihnen, ab Mittag die Schüler rumsitzen.

Die Hegelsbergschule hat in Kassel eine hohe Anziehungskraft über Stadt- und Stadtteilgrenzen hinaus. Was ist Ihr Ge-heimnis?

Appel: Das attraktive Lernangebot spricht sich herum. Die Lage in der Nordstadt stört viele Eltern nicht.

Wie haben Sie das erreicht?

Appel: Durch ausgefeilte interessante Konzepte. Zum Beispiel unser neues Lernatelier, das erste seiner Art in Hessen. Das ist ein Raum, konzipiert als Mediothek und Gruppenlernwerkstatt. Lesetraining ist ein weiterer Baustein. Ebenso Klassenbibliotheken, eingerichtet mithilfe der Eltern. Im Unterricht gibt es Methodenstunden, in denen man das Lernen lernt, ein äußerst nützliches Grundlagenwissen. Wir wollen auf Pisa reagieren, etwas Besonderes zu werden.

Wie ist die Resonanz der Eltern?

Appell:  Gut. Nach Informationsabenden melden 90 Prozent ihre Kinder bei uns an.

Was wären Ihre Tipps für Kollegen an den anderen Schulen?

Appel: Ich empfehle, wo es sinnvoll erscheint, die Abkehr vom Frontalunterricht. Im Team Aufträge selbst zu recherchieren, das ist für die Selbstständigkeit der Schüler das A und O. Und nur so erlangen sie Schlüsselqualifikationen, die sich später im Berufsleben jeder Personalchef von ihnen wünscht. Ferner sollte man sich dabei nicht auf die Defizite aller konzentrieren, sondern auf die Stärken jedes einzelnen Schülers.

Werden Worten Taten folgen?

Appel: Das braucht Zeit. Auch Lehrer müssen lernen. 750 000 gibt es in Deutschland, das System von heute auf morgen zu reformieren, ist unmöglich. Fundierte Fortbildung, dafür bin ich sehr. Nicht nur auf freiwilliger Basis, sondern im Grundsatz verbindlich.

Werden Schulen damit überfordert?

Appel: Das hoffe ich nicht. Es gibt eine Aufbruchstimmung von unten, mit Reformideen, frischem Wind. Ohne Pisa hätte es sich nicht in Gang gesetzt.

Wie wird Pisa drei ausfallen?

Appel: Noch nicht wesentlich besser. Das Bildungssystem ist wie ein schwerer Tanker, die Kurskorrektur ist nur allmählich. Aber sie wird erfolgen, das halte ich für sicher.

Zur Person

STEFAN APPEL ist Bundesvorsitzender des Ganztagsschulverbandes. Er studierte an der Universität Göttingen Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Psychologie und Philosophie. Nach zehnjähriger Lehrertätigkeit an Kasseler Sekundarstufenschulen wurde er zum Leiter der Schule Hegelsberg, einer Ganztagsgesamt- schule mit Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig. Seit 1978 veröffentlichte Appel viele Schriften zu pädagogischen Fragen der Ganztagsschule.