• Slide image
  • Slide image
  • Slide image
  • Slide image
  • Slide image
  • Slide image
  • Slide image

HNA 31.8.1995

 

Dierichs-Preisträger

 

Wir-Gefühl beim Musizieren

 

Zum 20. Mal hat das Kuratorium der Paul-Dierichs-Stiftung Einzelpersonen und Gruppen ausgezeichnet. Wir stellen die Preisträger 1995 vor, heute Chor, Instrumentengruppen und

Band der Kasseler Ganztagsschule Hegelsberg.



Wenn Musiklehrer Klaus Lossdörfer auf das Podest steigt, hören alle auf sein Kommando:
der Chor, die Flöten- und  Gitarrengruppe der Gesamtschule Hegelsberg, seine
Lehrerkollegen Ulrike Stern und Günter Flechtner (1. Reihe  Mitte). Die Musikinitiative,
die Kinder und Jugendliche aus 17 Nationen verbindet, wurde mit dem Preis
der Paul- Dierichs-Stiftung ausgezeichnet. (Foto: Lantelme)

 

KASSEL. " Ich wollte schon immer Gitarre spielen." Für den 14jährigen Kenan ist klar: Er hält jetzt "sein" Instrument in den Händen. Daß es genaugenommen nicht ihm, sondern seiner Kasseler Gesamtschule Hegelsberg gehört, ist kein Manko, eher ein Glücksfall. Gäbe es nicht eine Initiative von vier Musiklehrern, Kenan hätte wahrscheinlich kein Instrument gelernt. Denn weder Eltern noch seine drei Geschwister machen Musik. Und wer weiß? Vielleicht werd' ich, später mal berühmt, wer will das nach erst drei Jahren Saitenerfahrung ausschließen?

Anderen macht es auch ohne derartige Perspektive einfach Spaß. Sie singen und musizieren, zuletzt nahmen sie eine CD auf, dank der Unterstützung durch die Paul-Dierichs-Stiftung wird der Tonträger im September herauskommen. We shall overcome - In Frieden musizieren soll die Scheibe heißen. Unter dieses Motto haben auch die Initiatoren ihre Arbeit gestellt, die Musiklehrer Klaus Lossdörfer, Ulrike Stern, Günter Flechtner und Birkhild Glocke. Sie betreuen Flötengruppe, Chor, Gitarrengruppe und Schülerband, die nach und nach seit Anfang der 80er Jahre auch von ihnen ins Leben gerufen wurden. In Frieden musizieren auch deshalb, weil von den rund 160 Mitwirkenden, Schülern, Lehrern, Ehemaligen im Alter von zehn Jahren aufwärts etwa ein Drittel nicht aus Deutschland stammt. 17 Nationalitäten sind vertreten, unterschiedliche Temperamente, verschiedenen kulturelle Hintergründe. Auch wenn man nicht eine Sprache spricht, kann man miteinander musizieren, betont Ulrike Stern, die selber als Lehrerin im Ausland gearbeitet hat. Und nicht nur instrumental.

Ich kann kein Französisch, trotzdem macht es mir Spaß, das zu singen, sagt der 14jährige Tenor Regj aus Kosovo. Die gleiche Stimmlage hat auch Patrick (14), der zudem Schlagzeug und Gitarre in der Band spielt. Seine Lieblingsstücke auf der CD sind Let it be von den Beatles und Hero von Mariah Carey. Ob er denn auch Mozart hört? Jeden Abend vorm einschlafen. Nein, das war geflunkert. Aber das Ave Verum geht ihm zusammen mit kleiner Chorbesetzung vierstimmig gekonnt über die Lippen.

Ob Viola aus Uganda, die besonders die fröhlichen oder die langsam verträumten Lieder mag, ihre 13jährige Kollegin Hannah aus Deutschland, ob Dominik, Helena, Ninüfer, Arbreska zusammen singen, Nina, Christina, Tanja und Judith ihre Flöten anstimmen, wenn Klaus Lossdörfer den Einsatz gibt, sind Nationalitäten vergessen, stellt sich ein Wir-Gefühl ein. Auch das Verhältnis Lehrer - Schüler werde ein anderes. Wenn sich Sascha und Birkhild Glocke mit ihren Gitarren gleichzeitig verspielen, das verbindet.

Gospel, Klassik, Pop
So vergehen die Proben schnell, wenn Gospel, Weihnachtslied, Klassik, Pop oder Friedenslieder für zwei große Auftritte im Jahr eingeübt werden, die Weihnachts- und die Schulentlassungsfeier. Darüberhinaus unterhalten verschiedene Besetzungen auch gelegentlich in Kirchen oder Altersheimen. Was an Geld eingespielt wird, wandert in Bandausrüstung und Instrumente. Denn nach Kenan kommen andere, die laut Lossdörfer privat keinen Musikunterricht bekommen. An der Gesamtschule Hegelsberg aber können sie von Anfang an lernen, jeden Ton auf der Flöte, jeden Griff auf der Gitarre.